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Datum/Zeit: 06.11.2019 14:57
Quelle: APA

WIIW erwartet "sanfte Landung" für Länder Mittel-Osteuropas


Ökonom Astrov: Arbeitskräftemangel ist wichtige Stütze für Wirtschaftswachstum - Heuer Rezession in der Türkei, in den nächsten Jahren wieder Wachstum über 3 Prozent - GRAFIK



2019 ist für die meisten Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas (MOSOEL) trotz der Konjunkturabschwächung "immer noch ein sehr gutes Jahr", bringt Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche die WIIW-Herbstprognose auf den Punkt. "Die wichtigsten Ausnahmen sind die Türkei und Russland."

"Aber man merkt auch, dass die Auslandsnachfrage nachgibt", sagte Astrov am Mittwoch bei der Präsentation der aktuellen Konjunkturprognose des WIIW für die 23 Länder der Region. "Das führt zu einer gewissen Wachstumsverlangsamung in den meisten Ländern. Die Exporte verlieren an Schwung und teilweise drückt das bereits auf die Investitionen", was in den Visegrad-Ländern schon recht deutlich sichtbar sei. Die öffentlichen Investitionen würden sich weiterhin gut entwickeln, "die Wirtschaftspolitik bleibt expansiv und gleichzeitig gibt es geringe Anzeichen von Überhitzung". Auch sei bereits ein leichter Rückgang des Arbeitskräftemangels erkennbar.

Für die kommenden zwei Jahre erwartet das WIIW eine Wachstumsbeschleunigung in der Region insgesamt, wobei es aber große Unterschiede zwischen den Ländern gebe und die erwartete Beschleunigung nur auf eine Erholung in Russland und der Türkei zurückzuführen sei.

Heuer hätten fast alle Länder ein "ganz ordentliche Wachstumsraten" vorzuweisen. Die Türkei hingegen stecke immer noch in einer Krise. Zwar gebe es quartalsweise bereits einer Erholung, "aber für das Jahr als Ganzes erwarten wir immer noch eine Rezession in der Türkei", die türkische Wirtschaft dürfte heuer um 0,7 Prozent schrumpfen, sagte Astrov. Im nächsten Jahr wird dort aber bereits ein Wachstum von 3,1 Prozent erwartet und für 2021 ein BIP-Plus von 3,3 Prozent.

"Das ist wenig für die Türkei" und vor allem auf das starke Bevölkerungswachstum zurückzuführen, relativierte der Türkei-Experte des WIIW, Richard Grieveson. Im langjährigen Schnitt sei die türkische Wirtschaft doppelt so schnell gewachsen. In den letzten 20 Jahren habe die Türkei ihr Wirtschaftswachstum durch externe Schulden finanziert und werde das in einem Umfeld niedriger Zinsen auch 2020 und 2021 schaffen. "Es ist aber fast fix, dass irgendwann wieder eine Krise kommt. So circa alle zehn Jahre kommt dieses Modell in eine Krise."

"Die zweite große Ausnahme ist Russland", sagte Astrov. "In Russland rechnen wir heuer mit einem Wirtschaftswachstum von etwa einem Prozent, was natürlich sehr niedrig ist und viel niedriger als in den meisten anderen Ländern der Region." Ein wesentlicher Grund dafür sei eine sehr restriktive Fiskalpolitik. "Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf das Wachstum in Weißrussland, weil die beiden Ländern sehr stark miteinander verbunden sind."

Besonders gut entwickeln sich heuer die elf jungen EU-Mitgliedsländer, für die heuer im Durchschnitt ein Wachstum von fast 4 Prozent erwartet wird. "Das ist sehr, sehr hoch", betonte Astrov, "wenn man bedenkt, dass das Wachstum im Euroraum heuer wahrscheinlich nur leicht oberhalb von einem Prozent liegen wird. Der Wachstumsvorsprung gegenüber der Eurozone wird wahrscheinlich drei Prozentpunkte ausmachen." Das sei "sehr beeindruckend", weil die meisten dieser Länder starke Wirtschaftsverflechtungen mit dem Euroraum hätten.

Dennoch gebe es eine gewisse Wachstumsverlangsamung gegenüber früheren Jahren, es gebe also eine "sanfte Landung", so der WIIW-Ökonom. Hauptgrund seien schwächelnde Güterexporte wegen der Wachstumsverlangsamung im Euroraum und speziell in Deutschland. "Länder, die besonders viel nach Deutschland exportieren und die Autos exportieren, sind besonders stark betroffen." Bei Russland, Kasachstan und Weißrussland spiele auch der Rückgang der Ölpreise eine Rolle.

Die heimische Nachfrage entwickle sich hingegen gut, wobei auch eine expansive Fiskalpolitik und eine "großzügige Sozialpolitik" eine Rolle spiele. "Polen und Kasachstan sind zwei Länder, wo die Sozialpolitik besonders großzügig ist."

Die Löhne würden sich gut entwickeln. "Der Arbeitskraftmangel stellt eine wichtige Stütze des Wirtschaftswachstums dar", so Astrov. "Das ist natürlich eine paradoxe Aussage", aber im Prinzip gehe es darum, dass der Arbeitskräftemangel auf Grund demographischer Entwicklungen zu einem starken Lohnwachstum geführt habe, was wiederum eine wichtige Stütze für das Wirtschaftswachstum sei. Allerdings habe Zuwanderung die Arbeitsmärkte in jüngster Zeit entlastet, und zwar nicht nur Zuwanderung aus der Ukraine oder den Westbalkanländern, sondern auch aus Ländern wie Vietnam, Bangladesch oder der Mongolei.

Die privaten Investitionsquoten von rund 20 Prozent seien mit jenen in Deutschland oder Frankreich vergleichbar, "aber für diese Länder ist diese Investitionsquote von 20 Prozent zu niedrig, um langfristig ein höheres Wachstum und Konvergenz zum westeuropäischen Niveau zu ermöglichen". Das zweite Problem sei, dass die meisten privaten Investitionen in letzter Zeit keine produktiven Investitionen gewesen, sondern in Immobilien geflossen seien. "In Ungarn war das ganz extrem. In den letzten fünf Jahren haben sich die Immobilienpreise dort fast verdoppelt."

( 1366-19, Format 88 x 126 mm) (Schluss) ivn/itz

 ISIN   
 WEB   http://www.wiiw.ac.at/

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