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Datum/Zeit: 08.06.2018 12:05
Quelle: APA

Strafzölle - Voest-Chef Eder für stärkere Gegenaktionen der EU


"Wenn notwendig, sollte Europa zu wesentlich stärkeren Waffen greifen" - Bedrohung aus China wesentlich größer - Problembewusstsein in der Politik gestiegen - E-Mobilität wichtiger Bereich



Die EU sollte im Handelsstreit mit den USA ähnlich wie Kanada noch stärker in Richtung Gegenaktionen gehen, wünscht sich der Chef des oberösterreichischen Stahl- und Technologiekonzerns voestalpine, Wolfgang Eder. "Es wird nicht reichen, wenn wir bei nicht unbedingt zentralen Produkten wie Motorräder oder Whiskey Muskeln zeigen", sagte Eder am Freitag in der Ö1-Radiosendung "Saldo".

Grundsätzlich sei es aber richtig, zunächst zu versuchen, die Dinge nicht eskalieren zu lassen. "Wenn es notwendig ist, sollte Europa letztlich ganz klar sagen, okay, wenn es nicht anders geht, dann greifen auch wir zu wesentlich stärkeren Waffen", sagte Eder.

Eine wesentlich größere Bedrohung für die europäische Stahlindustrie komme aber aus China, der Türkei oder Russland. Hier seien die Unternehmen und die einzelnen Länder bereits in intensiven Diskussionen mit der EU-Kommission. "Hier kann Europa nicht zum Mistkübel der westlichen Welt werden", so Eder. Europa sei der einzige wirklich weitestgehend freie Markt. Das dürfte nicht missbraucht werden, indem andere alle ihre Produkte versuchen in Europa loszuwerden. "Dann muss man eben auch in Europa Barrieren aufbauen", fordert Eder. Er sei zuversichtlich, dass es hier zu einer Lösung kommen werde. "Die Frage ist dann in erster Linie, wie hoch sollen dann die Barrieren sein".

Insgesamt sieht Eder den Handelsstreit mit den USA mit relativer Gelassenheit: "Der Spuk geht zumeist schneller vorbei, als man zunächst glaubt." Nordamerika werde von der Voest als langfristiger Zukunftsmarkt für die produzierten Schlüsselprodukte gesehen, sowohl im Bereich Automobil, Luftfahrt, Eisenbahn, Maschinenbau als auch bei Öl und Gas. Insofern beeinflussen Barrieren auch die Unternehmensstrategien und es müsse geprüft werden, ob es Sinn mache, Nordamerika - oder auch China - weiter als zentralen Zukunftsmarkt für Expansionen zu sehen. "Ich gehe aber davon aus, dass relativ rasch die USA wieder zur Einsicht kommen werden, dass offene Märkte für sie sowie für alle anderen die beste Lösung sind", so Eder.

Für die Voest im kleinen Heimmarkt Österreich sei ein freier Zugang zu den großen Weltmärkten umso wichtiger. "Von dieser Arbeitsteilung profitiert eigentlich jeder. Man muss nur faire Regeln aufstellen", so Eder. Langfristig bestehe kein Zweifel, dass die Märkte zumindest überwiegend offen sein werden.

Der wichtigste Markt sei aber die EU. Gott sei Dank sei das Bewusstsein in der EU schon so, dass man wisse, dass man langfristig gegen die großen Wirtschafts- und Machtblöcke USA, China, vielleicht auch Russland und irgendwann Indien, nur dann Chancen habe, wenn man letztlich als Europa zusammenhält. Insofern habe man für zwei Drittel des Umsatzes eine sehr solide Ausgangsposition.

"Wir haben in Europa die Tendenz, dass die Politik begreift, dass die Industrie ein ganz zentraler Zukunftsbaustein des Wohlstandes ist und bleiben wird müssen", so Eder. Also sei es auch nicht ausgeschlossen, dass in Österreich ein komplett neues Werk gebaut werde. Diese Frage hänge eng mit der Energiekostenentwicklung zusammen. "Vom Wissen der Menschen, der Einsatzbereitschaft, dem Zugang zur Digitalisierung, würde ich mir in Österreich keine Sorgen machen", so Eder.

Von der heimischen Politik erwartet sich der Voest-Chef vor allem eine rasche, sinnvolle und zielorientierte Bildungsreform, mehr Entbürokratisierung, auf der Steuerseite eine im internationalen Vergleich nicht stärkere Belastung sowie die Zurverfügungstellung und den Ausbau der Zukunftsinfrastruktur - nicht nur bei Breitband, sondern auch bei trivialen Dingen wie ein Eisenbahn- und Straßennetz, das zukunftssicher ist.

Über den Zugang der ÖVP/FPÖ-geführten Regierung zur Wirtschaft will Eder noch kein endgültiges Urteil abgeben. Es gebe Ansätze, die Hoffnung geben, manchmal wünsche er sich mehr Dynamik. "Ich glaube schon, dass die Politik begriffen hat, dass es notwendig ist, dieses Land auf einer breiten Front zu entschlacken, von Dingen, die im Laufe der letzten 30 bis 40 Jahre im Zuge der Entwicklung des Wohlstandes mitgewachsen sind. Nicht von positiven Teilen, sondern eher von Dingen, die durch Behäbigkeit die Zukunft einschränken. Bürokratie und Steuern sind so ein Thema", führte Eder aus. Das Bewusstsein gehe in die richtige Richtung, die Prioritätensetzung könnte aber pointierter sein. So würden etwa Steuerbegünstigungen von Investitionen Arbeitsplätze schaffen und die Zukunft sichern.

Die voestalpine werde ihren Weg der letzten 15 bis 20 Jahre konsequent fortsetzen. Vom Material her und beim Produktionsprozess sei noch enorm viel Potenzial drinnen. Man werde die Position dort weltweit ausbauen, wo man schon führend sei. Es gebe aber auch noch einige Segmente, wo die Voest diese Position erreichen wolle.

Ein wichtiger Bereich werde etwa die Elektromobilität werden. Die voest werde beim Elektromotor wahrscheinlich von Beginn weg ein zentraler Spieler sein. Hier sieht Eder die Möglichkeiten, langfristig 10 bis 15 Prozent des Umsatzes zu machen. Ein des Umsatzes mit der Autoindustrie von rund 35 Prozent könnte in Zukunft auf die E-Mobilität fallen.

Er werde nach seinem Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat der voestalpine sicher nicht den "Obergeneraldirektor" spielen und versuchen, das Handwerk des Vorstandes zu übernehmen, meinte Eder, der den Vorstandsvorsitz im Sommer abgeben wird. Zum übergangslosen Wechsel in den Aufsichtsrat habe er sich nicht aufgedrängt, vielmehr sei dies der Wunsch des Aufsichtsrates im Interesse der Kontinuität und Unterstützung der Strategie gewesen. Dass er auch Aufsichtsratschef bei Infineon werden soll, habe nichts mit seinem Ego zu tun, sondern mit der Freude, konstruktiv im Wirtschaftsgeschehen weiter mit dabei sein zu können.

(Schluss) ggr/phs

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