Biodiesel: Hoch geklettert und tief gefallen
An Warnungen hat es nicht gemangelt: „Wird der
Biodiesel-Boom in der Pleite enden?“, fragte das Magazin „Nature“ bereits im Frühjahr 2007. Aber wer hört
in guten Zeiten schon auf schlechte Nachrichten? Doch nun stehen viele staatlich aufgepeppte
Biodiesel-Hersteller tatsächlich vor dem Aus. Während deutsche Anbieter auf die Politik schimpfen, hofft
Brasilien auf den Staatskonzern Petrobras.
NEW YORK/HAMBURG/SÃO PAULO. Angestachelt von
der US-Regierung, pumpten Bundesstaaten und Risiko-Investoren seit 2006 mehr als 50 Mrd. Dollar in einen
Industriezweig, der Amerika aus der Abhängigkeit vom teuren Öl befreien sollte. Derart unterfüttert,
rechneten sich alternative Anbieter satte Renditen aus – bei einem Ölpreis am Rande der 100-Dollar-Marke,
wohlgemerkt. Dass der Kongress im Sommer 2007 ein Energiegesetz verabschiedete, wonach den Anteil von
Biokraftstoffen im heimischen Benzin-Mix bis 2022 mehr als verdreifacht werden soll, fachte die Euphorie
nur noch mehr an. Egal ob aus Mais oder Sojabohnen gewonnen, aus Tierfetten oder Restaurant-Abfällen:
Biodiesel-Fabriken schossen wie Pilze aus dem Boden.
Zwei Jahre später ist von der
Begeisterung nichts übrig geblieben, und die Mahner haben Recht behalten. Politiker aus zahlreichen
Bundesstaaten haben mit Steuervergünstigungen und weiteren Anschubhilfen eine Blase aufgepumpt, die nun
mit lautem Knall zu platzen droht. Zwei Drittel der aktuellen Produktionskapazitäten, berichtet der
Branchenverband National Biodiesel Board, seien inzwischen außer Betrieb. Zahlreiche Firmen, die in der
Hochphase massiv in den Aufbau neuer Fabriken investierten und sich verschuldeten, sind unter den
Gläubigerschutz des US-Konkursrechts (Chapter 11) geflüchtet. Mit ihnen stehen 50 000 Jobs auf der Kippe,
die seit 2005 in diesem Sektor geschaffen wurden. Von den zwei Mrd. Dollar, die allein die Düsseldorfer
WestLB an Finanzierungen ausreichte, gilt ein erheblicher Teil als ausfallgefährdet.
Das
Unternehmen Imperium Renewables aus Seattle zeigt beispielhaft die Achterbahn-Fahrt der Branche: erst mit
Anschubhilfe nach oben, dann im freien Fall nach unten. 2004 wird die Firma von John Plaza gegründet,
einem früheren Piloten. Unterstützt von üppigen Steuervergünstigungen des Bundesstaats Washington,
eröffnet Plaza im August 2007 die bis dahin größte Biodiesel-Fabrik der Vereinigten Staaten: Sie kostet
88 Mio. Dollar und kann 100 Mio. Gallonen Biodiesel pro Jahr ausstoßen. Zur Eröffnungsfeier der Anlage
kommen 400 Gäste auf das Hafengelände Grays Harbor, unter ihnen zahlreiche Politiker und Journalisten.
Einst eine Hochburg der Holzindustrie, wird am Nordwest-Zipfel der USA auf die Zukunft erneuerbarer
Energien angestoßen.
Doch kaum läuft die Anlage auf Hochtouren, rutscht die Weltwirtschaft in
eine schwere Krise. Der Ölpreis geht in die Knie, und mit ihm fallen auch die Verkaufserlöse der
Biodiesel-Produzenten rasant. Ihre Kosten für Agrarrohstoffe, insbesondere Mais und Soja, klettern
dagegen von einem Rekordhoch zum nächsten. Mit jeder produzierten Gallone Biosprit verliert Imperium
Geld.
Als die EU-Kommission im März 2009 Anti-Dumping-Zölle auf subventionierte
Biodiesel-Importe verhängt, bricht die letzte Absatzstütze der US-Branche weg. Firmenchef Plaza bleibt
nichts anderes übrig, als seine kaum 20 Monate alte Anlage stillzulegen. Seitdem dient Grays Harbor nur
noch als Depot für Biodiesel, mithin als Symbol für die geplatzten Träume der Branche. Auch der schärfste
Rivale Green Hunter Energy aus Texas produziert inzwischen kein Biodiesel mehr. Aventine aus Illinois,
Nova Biosource aus Montana, Vera Sun aus South Dakota und viele andere mussten Konkurs anmelden.
Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich auf Lobbyarbeit zu konzentrieren: So könnte eine
Vorgabe aus Washington, den Anteil des Biodiesels am Kraftstoff-Mix rasch zu erhöhen, der Branche neues
Leben einhauchen. Für einen Durchbruch benötige man weitere Anschubhilfen der Regierung, räumte
Imperium-CEO Plaza ein: „Die Ölfirmen haben doch 100 Jahre Vorsprung.“
Die
Umweltschutzbehörde EPA zögert aber seit Monaten eine Entscheidung hinaus, die Gesetzesvorgaben aus 2007
in die Praxis umzusetzen. Dahinter steckt auch die Skepsis, dass sich Experten zunehmend kritisch zur
Kosten-Nutzen-Bilanz von Biodiesel äußern. Die USA haben im Vorjahr etwa ein Viertel ihrer Maisernte
verbraucht, nur um das Benzin von gut zwei Mio. Fahrzeugen zu ersetzen. Schätzungen des Congressional
Budget Office zufolge konnten damit die Treibhaus-Emissionen im Verkehr noch nicht einmal um ein Prozent
reduziert werden.
Trotz ihrer positiven Haltung zu alternativen Energien brütet die
Obama-Regierung deshalb über der Frage, ob es nicht sinnvoller ist, die Staatsgelder in andere Bereiche
zu lenken – etwa in die Entwicklung des Elektroautos, dessen Durchbruch Biodiesel überflüssig machen
könnte.
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