zum Originalbeitrag

Ein Kommentar der nicht atemlos dem Spiegel hinterherhechelt:


Der SPIEGEL kann das Moralisieren nicht lassen
Der „Spiegel“ hat wieder einen Scoop. Der habe die deutsche Wirtschaft bis ins Mark erschüttert, sagt die Redaktion. Was wird uns Erschröckliches mitgeteilt? Die großen Fünf der Autoindustrie – Audi, BMW, Mercedes, Volkswagen, Porsche – haben über viele Jahre Geschäftliches und technische Entwicklungen abgesprochen. Das wäre, wenn es stimmt, ein Verstoß gegen das Kartellgesetz. Und darauf stehen hohe Geldstrafen. Andererseits: Gemeinsames Lobbying ist legal. Ideenaustausch für die Sicherheit und zum Zwecke der Qualitätshebung ist erlaubt. Preisabsprachen dagegen sind verboten. Die haben aber auch nicht stattgefunden. Die „Süddeutsche“ registrierte gleich einen „ungeheuren Vorwurf“. Fast so, als hätten die Autobosse ihren Kunden Autos mit drei Rädern untergejubelt.

Die „Spiegel“-Geschichte wurde recherchiert und geschrieben von zwei Qualitätsredakteuren. Der Längergediente von beiden ist Dietmar Hawranek, bestens vernetzt und einer von den garantiert unkorrupten Motorjournalisten in Deutschland. Er gehört zu den wenigen, die sich nicht einen vollgetankten Testwagen vor die Tür setzen lassen, um sechs Wochen darin herumzukariolen und hinterher zu schreiben, der Aschenbecher sei falsch platziert, aber sonst sei es ein Spitzenauto. Auch Frank Dohmen gilt als ordentlicher Storyteller.

Was lehrt der Skandalreißer den Autokäufer? Viel weniger, als die „Spiegel“-Werbung suggeriert. Der Leser erfährt sinngemäß, daß sich in deutschen Cabrios das Dach nur bis 50 km/h öffnen lasse, obwohl es bei Ausnutzung aller technischen Möglichkeiten auch bis Tempo 60 ginge. So what?

Jeder baute, wie er wollte
Das Kungelkombinat vereinbarte ferner ein Einheitsmaß für sogenannte AdBlue-Tanks, die eine zentrale Rolle bei der Reduzierung von Stickoxiden in Vebrennungsmotoren spielen. Nur, diese Absprache wurde nicht eingehalten. Jeder baute weiterhin Tanks, wie er lustig war. Das zeigt, wie locker die Koordination zum Teil war. Weil das Thema ein Dauerbrenner in den Koordinierungsausschüssen wurde, einigte man sich schließlich doch noch auf eine einheitliche Größe, die dann aber den Anforderungen der Behörden in den USA (und auch nur dort) nicht genügte, woraus dann die Abgasaffäre entstand. Die deutschen Kunden kriegten von dem ganzen AdBlue-Hickhack nichts mit. Es spielte für ihre Kaufentscheidung auch keine Rolle.

Wichtigstes Resümee aus dem Autoskandal: Deutsche Hersteller haben gemauschelt. Offenbar nicht nur ein bißchen, aber auch nicht zum nennenswerten Nachteil der Verbraucher. Der „gigantische Betrug“, den der unvermeidliche Martin Schulz vermutet, war es nicht. Und der Standort Deutschand steht auch nicht auf dem Spiel, wie die „Süddeutsche“ menetekelt.

Vor allem Top-Automobile made in Germany sind immer noch die bestverkäuflichen, wenn nicht die besten der Welt. Gemeinsam beherrschen die Deutschen zwei Drittel des globalen Premium-Marktes. Die Qualität hat durch die Kartellabsprachen bei keiner der fünf Marken erkennbar Schaden genommen. Wettbewerb ist wichtig, aber, technisch und ökonomisch gesehen, offenbar nicht immer und überall total unverzichtbar.

Die Düsseldorfer „Wirtschaftswoche“ resümiert in der Überschrift zu ihrem Artikel über das Autokartell: „Wie wir unsere Branchen kaputtreden“. Der „Spiegel“ habe sich an Grundwerten des Journalismus versündigt. Er kann eben das Moralisieren nicht lassen. Und was moralisch und unmoralisch ist, das bestimmt er selbst. Ja, gewiß Kritik tut not. Aber es kann nicht schaden, wenn einer, der die deutsche Automobilindustrie kritisiert, dabei berücksichtigt, daß sie 800.000 Arbeitsplätze bindet, die Zulieferindustrie nicht gerechnet. Man soll nicht gleich die ganze Branche niederschreiben. Doch Understatment ist bekanntlich nicht des „Spiegels“ stärkste Seite.

Heiße Luft und Pillepalle
Der Text hält inhaltlich auch nicht, was das diaboliche Titelbild – ein Paar blitzende Wolfsaugen vor rabenschwarzem Hintergrund – verspricht. Viel heiße Luft, viel Pillepalle. Stellenweise ist er allerdings auch informativ. Er zitiert einen Daimler-Manager mit dem Urteil über Volkswagen: „Kaufen sie lieber einen Skoda, der ist 3000 Euro billiger und besser.“ Das hat Servicewert und es hört sich auch nicht nach Kumpanei an.

Was der „Spiegel“ unterschlägt: Der aufgeblasene Titel basiert nicht nur auf eigener Recherche, sonder nicht unwesentlich auf den Selbstanzeigen von VW und Mercedes. Und die sprechen im Zweifelsfall für die Redlichkeit von zwei der fünf Angeklagten. Mit seinem Alarmknüller stellt der „Spiegel“ die Branche unter Generalverdacht. Dabei ist nichts beweisen. Es gibt noch nicht mal Ermittlungen. Doch für den „Spiegel“ steht das Urteil schon fest. Die Unschuldsvermutung ist in der Schrottpresse.

http://www.achgut.com/artikel/der_spiegel_kann_das_moralisieren_nicht_lassen

  

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