Wirtschaft wächst in allen osteuropäischen Ländern
Experte: 2018 dürfte eines der besten Jahre seit der Finanzkrise werden - Bankensektor auf stärkerer Basis - Möglicher Handelskrieg und Geldpolitik als Risiken gesehen


Mittel- und Osteuropa befindet sich auf einem wirtschaftlichen Höhenflug, im Vorjahr expandierten alle Volkswirtschaften in der Region zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt, teilte das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleich (WIIW) anlässlich der aktuellen Frühjahrsprognose mit.

Der Bankensektor stehe allgemein auf einer stärkeren Basis als vor einigen Jahren. Als Risiken werden ein möglicher Handelskrieg sowie ein nicht sicherer Ausstieg der Notenbanken aus der lockeren Geldpolitik gesehen.

Auf das Wachstum wirke sich das externe Umfeld äußerst positiv aus. Der koordinierte globale Aufschwung werde sich fortsetzen, davon werde auch die Wirtschaft in der Region weiter profitieren. Das aggregierte reale Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) stehe auf dem höchsten Niveau seit sechs Jahren. In der aktuellen Frühjahrsprognose wird für heuer eine leichte Wachstumsabschwächung für die gesamte Region auf 3,1 Prozent erwartet, nach 3,7 Prozent 2017.

"Die Weltwirtschaft befindet sich mitten in einer Aufschwungphase. Dies wird der Wirtschaftstätigkeit in der gesamten MOSOE-Region (Mittel-, Ost-und Südosteuropa) in den kommenden Jahren auch weiterhin starken Auftrieb verleihen", so Studienautor Richard Grieveson. Hochfrequenzdaten ließen vermuten, dass die Region (nahezu) am Höhepunkt ihres Wachstums angekommen sei, doch das heurige Jahr scheine eines der besten seit der globalen Finanzkrise zu werden. "Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass einige Länder der Region einen Boom erleben."

Ein besonders starkes Wachstum wird im Prognosezeitraum 2018 bis 2020 in den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten und der Türkei erwartet. Für heuer rechnen die WIIW-Forscher in den elf neuen EU-Mitgliedern zusammen mit einem BIP-Plus von 3,9 Prozent, in der Türkei mit 4,5 Prozent. Für Rumänien wird ein BIP-Anstieg um 4,7 Prozent erwartet. In den Staaten des Westbalkans werde sich das Wachstum gegenüber den vergangenen Jahren beschleunigen, erwartet das WIIW. Die GUS und die Ukraine bleiben die regionalen Nachzügler, werden sich aber weiter langsam erholen. Für Russland wird für heuer eine Wachstumsrate von 1,8 Prozent prognostiziert, für die Ukraine von 1,9 Prozent.

Eine Überhitzung wird in keinem Land erwartet, wenngleich das Risiko diesbezüglich in der Türkei und in Rumänien steige. Die Inflationsrate wird in den meisten Ländern niedrig gesehen. Die Investitionen würden in der gesamten Region stärker wachsen als das reale BIP.

In Teilen der Region helfe die starke Migration aus der Ukraine dabei, die angespannte Arbeitsmarktlage zu entschärfen. In den meisten MOSOE-Ländern habe es starke Lohnerhöhungen gegeben, allerdings vor allem im verarbeitenden Sektor. Diese seien durch Steigerungen bei der Arbeitsproduktivität und nicht-preislichen Wettbewerbsfähigkeit jedoch mehr als kompensiert worden, die externe Wettbewerbsfähigkeit sei nicht in Gefahr.

Der Bankensektor stehe allgemein auf einer weit stärkeren Basis als vor einigen Jahren. Das Vorkrisenzeit-Modell mit seinem hohen Fremdfinanzierungsgrad und seiner Abhängigkeit vom Zufluss ausländischer Finanzen habe allerdings in den meisten Fällen ausgedient. Das Kreditwachstum werde somit in den kommenden Jahren im historischen Vergleich relativ niedrig sein.

Für die optimistische Prognose gebe es aber auch zahlreiche Risiken, so Grieveson. "Die größten Sorgen bereiten ein möglicher Handelskrieg sowie die Gefahr, dass der Ausstieg der globalen Zentralbanken aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik nicht sicher genug verläuft. Jeder starke Anstieg der globalen Zinssätze wäre eine Gefahr für die zahlreichen MOSOE-Länder mit hoher Privat- und/oder Staatsverschuldung."

Der Konvergenzprozess zu westeuropäischen Einkommen werde sich fortsetzen. Langfristig sieht Grieveson jedoch große Herausforderungen für die Region, nicht zuletzt durch die negativen demografischen Trends in den meisten Ländern. Zudem sieht das WIIW auch ein Risiko darin, dass die Spezialisierung auf Teile der Lieferkette mit wenig Wertschöpfung die Region dauerhaft in der Rolle der "verlängerten Werkbank" hält.

  

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WIIW - Osteuropa bleibt auf Konvergenzpfad
Angespannte Situation am Arbeitsmarkt, Migranten vor allem aus der Ukraine

Der Konvergenzprozess in Osteuropa wird sich nach Einschätzung des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) fortsetzen. Es gebe aber eine paar langfristige Herausforderungen wie etwa die demografische Entwicklung und das Risiko, dauerhaft in der Rolle der verlängerten Werkbank zu sein, sagte WIIW-Experte Richard Grieveson am Dienstag in einer Pressekonferenz.

Derzeit gebe es aber teilweise Enttäuschungen bei der Annäherung der osteuropäischen Länder an Westeuropa. Ein Grund dafür sei, dass zum Teil die Lohnkonvergenz niedriger sei als jene des Bruttoinlandsprodukts wie etwa in Tschechien. Grieveson erwartet aber, dass sich der Konvergenzprozess vor allem bei den Löhnen fortsetzen wird.

Es habe in den meisten Ländern bereits starke Löhneerhöhungen gegeben, die aber durch Steigerungen der Arbeitsproduktivität und der nicht-preislichen Wettbewerbsfähigkeit mehr als kompensiert worden seien, so das WIIW in seiner aktuellen Frühjahrsprognose für Mittel-, Ost- und Südosteuropa (MOSOEL). Die externe Wettbewerbsfähigkeit sei nicht in Gefahr. Die fortgesetzten Lohnerhöhungen sollten auch in den nächsten Jahren den privaten Konsum unterstützten, der derzeit der Hauptmotor des Wachstums sei.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei angespannt, vor allen in den osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten. In Teilen der Region wird sie durch Migration aus der Ukraine entschärft. Wichtige Zielländer in der Region sind vor allem Polen aber auch Tschechien und Ungarn. In Polen ist der Anteil der Ukrainer an den Aufenthaltsbewilligungen kräftig gestiegen. Eine Rolle spiele auch die illegale Migration, so das WIIW. Nach Schätzungen sollen laut Medienberichten rund 2 Millionen Ukrainer in Polen leben. Mittel- und langfristig sei der Einsatz von Migranten aber keine Lösung für die Arbeitsmarktprobleme, so WIIW-Experte Mario Holzner. Dies werde wohl nur mit einem stärkeren Kapitaleinsatz Richtung Robotisierung, höhere Löhne und mehr Effizienz möglich sein.

Ingesamt befindet sich die Region auf einem wirtschaftlichen Höhenflug. Grieveson sieht die Jahre 2017 und 2018 als Wachstumshöhepunkt. 2019 und 2020 werden sich positiv entwickeln, wenn auch etwas schwächer als die Jahre davor. 2017 sei das bestes Jahr seit 2011 gewesen. Zudem hätten erstmals seit 2007 alle Länder in der Region expandiert. Wachstumsmotoren sind laut WIIW neben dem privaten Konsum auch die Investitionen und das positive externe Umfeld.

  

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WIIW: Höhere Zölle auf Autos würden Europa stark treffen
Direkte Auswirkungen von US-Zöllen auf Stahl begrenzt

Die US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium werden nach Einschätzung des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in Europa keine sehr großen Auswirkungen bezogen auf Gesamtexporte und Bruttoinlandsprodukt (BIP) haben. Wesentlich gravierender wären Zölle auf Autos. Die Eskalation zu einem Handelskrieg etwa durch höhere Kfz-Zölle würde Europa stark treffen.

Die EU reagiere zur Zeit relativ besonnen mit einer sanften strategischen Reaktion, so WIIW-Experte Robert Stehrer am Rande einer Pressekonferenz zur WIIW-Frühjahrsprognose für Osteuropa. Es sei aber unsicher, was passieren werde. Unsicher sei derzeit beispielsweise, ob es Ausnahmen für Australien oder Europa geben werde. Wenn US-Präsident Donald Trump Zölle auf Autos einführen sollte, könnte das quasi ein Handelskrieg sein, der große Auswirkungen auf Deutschland und aufgrund der Lieferantenkette auch auf Mittel- und Osteuropa haben werde.

Die Stahlexporte würden wegen der Zölle um 20 bis 30 Prozent einbrechen. Insgesamt würden die direkten Auswirkungen der Stahl- und Aluminiumzölle für die EU, Österreich und Zentral-, Ost- und Südosteuropa (CESEE) aber begrenzt sein, heißt es in einer WIIW-Analyse. Klarer Gewinner bei Stahl sei Kanada, das von den Zöllen ausgenommen sein wird. Eisen, Aluminium und die dazugehörigen Produkte machen nur rund 0,2 Prozent aller Exporte der EU- und CESEE-Länder aus. Innerhalb der EU sei der Anteil in den Niederlanden und in Irland am höchsten, er betrage aber auch dort nur knapp über 1 Prozent der Gesamtexporte. In Osteuropa seien Russland (0,8 Prozent der Gesamtexporte), die Ukraine und die Türkei (je 0,6 Prozent) am stärksten betroffen.

In Österreich würden nach einer ersten Schätzung die Gesamtexporte um 230 Mio. Dollar (186,96 Mio. Euro) sinken. Zum Vergleich: 2017 lagen Österreichs Ausfuhren bei insgesamt rund 142 Mrd. Euro. Für die EU insgesamt geht das WIIW von einem Exportrückgang durch die US-Zölle auf Stahl und Aluminium um 2,7 Mrd. Dollar aus, für CESEE um 1,5 Mrd. Dollar.

Die Weltmarktpreise für Eisen und Stahl dürften angesichts des geringen Anteils der US-Importe an der globalen Produktion nicht wesentlich beeinflusst werden. Die USA seien zwar der weltweit größte Importeur von Roheisen und Eisenerzeugnissen, die Einfuhren hätten aber nur einen Anteil von 0,3 Prozent bzw. 2 Prozent der Weltproduktion.

Keines der untersuchten europäischen Länder werde betreffend Stahl signifikante Nettowohlstandsverluste oder - gewinne verzeichnen. Produzenten würden rund 100 Mio. Dollar verlieren, Konsumenten durchschnittlich rund 90 Mio. Dollar gewinnen. Für die USA wird mit einem Nettowohlstandsverlust von 2,3 Mrd. Dollar durch den Bereich Stahl und von 233 Mio. Dollar durch Aluminium gerechnet.

Sollte es zu einem US-Zoll von 35 Prozent auf Autos kommen, wären die EU-15 allerdings stark betroffen, heißt es in der Analyse. Deutsche Autoexporte in die USA machten rund 2,7 Prozent der Gesamtexporte aus, in Österreich seien es 0,7 Prozent.

Generell scheine klar zu sein, dass durch neue Zölle und zu erwartende Gegenmaßnahmen der Handelspartner die meisten oder alle Beteiligten darunter zu leiden hätten.

  

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Osteuropa - Wachstum oder Krise? Teil V [Alle anzeigen] , Rang: Hagen(691), 26.7.19 17:47
 
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